Berichte der Akademie 55plus Darmstadt 2011

Bei „Max Beckmann & Amerika“ im Städel-Museum

Weil die Gruppe  mit  26 Personen  für eine Führung etwas zu groß schien, bekam jeder zu Beginn  ein Hör-Fon ausgehändigt. Zum Besuch der Beckmann-Ausstellung unter der Leitung von Maria Arnoldt waren alle Angemeldeten erschienen (!). Ein informativer Bericht im “Echo“ mit „Falling Man“ (dem kopfüber Stürzenden) hatte Anfang Oktober auf die Ausstellung  mit dem Schwerpunkt der amerikanischen Periode Beckmanns hingewiesen.

Trotz seiner internationalen Bedeutung macht es Beckmann dem Erstbeschauer seiner Kunst nicht leicht. Seine meist prall gefüllten Bildinhalte mit geheimnisvoller Kolorierung, Verdüsterungen, verzerrten Maßstäben, mit scheinbar achtlos auf dem Boden und in den Ecken verstreuten Symbolen und Requisiten, mit Speeren, Schwertern und immer wieder Leitern fordert er die Zuschauer regelrecht heraus. Die Einzigartigkeit seines Stils beruht auf der Maxime, dass Kunst der Erkenntnis und  erst später dem Vergnügen zu dienen habe. Insofern gibt es kein rasches Konsumieren, sondern  nur ein schrittweises Kapieren seiner anspruchsvollen Bilder.

Eines seiner Selbstporträts, mit dem die Führung begann, zeigt ihn ernst, nachdenklich, etwas kantig mit der Zigarette. Es trifft zu, darin den selbstkritischen Zweifler mit einer Tendenz zu Melancholie und Depression zu erkennen, was seine Tagebücher preisgeben. Der schwarz-graue Untergrund vieler seiner Bilder verrät diese Nahtstelle im Leben und Schaffen Beckmanns. Der 1884 in Leipzig Geborene kam mit einer seelischen Verwundung aus dem Ersten Weltkriege zurück und wurde nach  Frankfurt zur Gesundung eingeladen. Mit seiner figürlichen und erzählenden Malerei  machte er sich früh einen Namen und wurde an dem heute Städel-Schule genannten Institut Professor. In der Nazi-Zeit galt seine Kunst als entartet. Ab 1937 im Exil zermürbte ihn die Wartezeit in Amsterdam  bis er 1947 ein Visum für die USA erhielt. Mit Katia und Thomas Mann auf den gleichen Dampfer landete er am 9. September in NewYork. Beckmann war überrascht, dass die Präsenz seiner Bilder in Museen und Ausstellungen ihn in USA bereits zu einem bekannten Mann gemacht hatten. Dieses Wohlgefühl  und vielfältigen Eindrücke bei seinen Reiseaktivitäten („Der Horizont ist voller Reisen“) lösten bei Beckmann einen wahren Arbeitsdrang  und ein ‚neues Leben’ aus. In drei Jahren erschuf er 80 Werke. Markante Zeugnisse aus New York, St.Louis und San Francisco mit Motiven vom Jazz, aus Bars und Kneipen, dem Theater, dem Zirkus und Varieté, sowie der amerikanische Lässigkeit berichten nachdrücklich von der Faszination des Künstlers. Begehrt waren die von ihm geleiteten Sommerkurse. An einem Dezember-Abend 1950  erlag  Beckmann  nach mehrstündiger Arbeit  beim Spaziergang am Rande des Central-Parks einem Herzinfarkt.

Die Ausstellung dauert bis 8. Januar 2012; am 5. Januar 19.00 Uhr, ist der Vortrag „Thomas Mann und Max Beckmann“ angekündigt. Anmeldung 069-605098-200 erforderlich.
wsw