Berichte der Akademie 55plus Darmstadt 2011

Verloren im Weltall - Besuch bei der ESOC

Wissenschaftler arbeiten am liebsten im Geheimen und scheuen das Publikum  - dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man das Kontrollzentrum ESOC (Europäisches Raumfahrtzentrum) in Darmstadt besucht. Ohne Original-Personalausweis kein Eintritt, keine Fotos in den Häusern erlaubt.

Hochsicherheitstüren, die sich nur digital öffnen, eine externe Führerin (vom DA Marketing) und vor allem: kaum Mitarbeiter in den (vorgeführten) Räumen zu sehen. Lag diese gähnende Leere am bevorstehenden Wochenende? Ein Trost für uns: die Weltraum-Satelliten arbeiten pausenlos und brauchen keine Erholung, zumindest bis ihr Treibstofftank oder Akku leer ist.

Um nicht falsch verstanden zu werden: bei dem Thema Raumfahrt gibt es eben für uns (überwiegende) Laien wenig zu sehen. Zwei Satelliten in Originalgröße (u.a der „Kometenjäger“ Rosetta) und die Ariane-5-Rakete (auf ein Zehntel geschrumpft) waren die einzigen sichtbaren Exemplare, dazu eine Menge starrer Monitorbilder und ein erklärendes Video. Um so beeindruckender sind die Daten, Zahlen, Fakten und Bilder, mit der die ESOC aufwarten kann.
Dass das global betrachtet kleine Darmstadt hier seit ca. 50 Jahren weltweit mit agiert, lag an dem damals größten Rechenzentrum Deutschlands (DRZ) und dem Fernmeldezentrum vor Ort - die Herzstücke aller Informations- und Kommunikationstechnik, gerade für die Raumfahrt. Inzwischen sind die Computer ESOC-eigene, da für alte und neue Satelliten die unterschiedlichste Hard- und Software bereit gehalten werden muss. Von zur Zeit weltweit knapp 1000 „aktiven“ Satelliten steuert die ESOC ungefähr hundert europäische Exemplare: in Umlaufbahnen der Erde (Höhe zwischen 250 und 36000 km) oder unterwegs in einer „mission possible“ ( zu Mond, Mars, Venus, Sonne, Kometen). Die Aufgaben sind vielfältig: Erdbeobachtung und -Vermessung, Navigation (GPS u.a.),  Telekommunikation und astronomische Forschung. Die Forschung hat dabei nur einen Anteil von 10 %.
Die Hauptaufgaben der Satelliten sind schon zum Start vorprogrammiert, aber gerade die Erdbeobachtung kann je nach Anforderung und zeit- und ortsspezifisch gezielt ausgeführt werden - mit Bildern, die jeden Betrachter faszinieren, und Spektren bzw. Rohdaten, die mehr nüchterne, aber den Experten umso wertvollere Daten liefern. Wir haben erfahren, dass die Auswertung der Informationen an anderen europäischen Orten stattfindet: in unserer Stadt ist die Flugleitung kurz nach dem Start (ab Zündung der 3.Stufe) und die laufende Software-Aktualisierung der künstlichen Himmelskörper beheimatet. 250 eigene plus ca. 500 Mitarbeiter von Vertragsfirmen bilden das komplette Team. Englisch ist zur Verständigung der internationalen Besatzung natürlich die Standardsprache.
Beim Blick in den neuen Hauptkontrollraum konnten wir die (leeren) Arbeitsplätze des Hauptflugleiters, von Softwarekoordinatoren, Flugkontrolleuren, Bodenstation- und Satellitenprojekt-Managern sehen. Hier geht es nur in den Tagen und Stunden vor dem Start in Kourou, der nach Südamerika ausgelagerten Raketenabschussbasis) arbeits- und personalintensiv zur Sache.
Von den vielen Spezial-Satelliten mag hier deren größter erwähnt werden: Envisat mit Namen. Seit 2002 kreist er - in der Größe eines Kleinbusses und dem Gewicht von 8,2 t -unseren Planeten und beobachtet u.a. Wetter, Ozon und anderes Sichtbare, aber auch manches für menschliche Augen Unsichtbares. Nebenbei vermisst er generalstabsmäßig die Erdoberfläche immer wieder neu. Tausende von möglichen Steuerbefehlen folgt er auf Tastendruck oder Programmieranweisung.

Nach 1,5 Stunden schwirrte uns der Kopf von Begriffen wie XMM, Cryosat, Goce (alles Satellitennamen), UTC (globale Standarduhrzeit), Galileo (zukünftige EU-Konkurrenz zu GPS) und GMES (Umweltdaten-Zentrum). Die Mutter Erde hatten wir gar nicht verlassen; trotzdem waren wir gedanklich z.T. weit weg von ihr. Der aufgestellte XMM-Satellit winkte uns zum Abschied mit seinem Sonnensegel nach und wirkte auf mich dabei wie ein stilisierter moderner Weihnachtsengel. -kpr-