Berichte-Archiv der Akademie 55plus Darmstadt

Schopenhauer - wie er wurde, was er war

„Ja, es ist ein Trost im Alter, dass man die Arbeit des Lebens hinter sich hat“. Der Satz  könnte von einem Aka55plus-Mitglied stammen, ist aber original Arthur Schopenhauer (S.). Welcher Lebensweg diesem großen Philosophen eigen war und wie das „seine Arbeit“ - sein philosophisches Lebenswerk und Gedankenwelt - beeinflusste, hat Dieter Heymann in einem Vortrag für seine Zuhörer fesselnd herausgearbeitet.

Es ist immer wieder zu beobachten: Wenn Begabung, Bildungshunger und Förderung von außen bei einem jungen Menschen eine Synthese bilden, wird oft ein hochintelligenter Geist geboren.

Durch viele Reisen schon im jugendlichen Alter (mit und ohne Eltern) erlebte S. die Höhen die schönen Dinge, aber auch die grausamsten Aspekte: Tod und größtes Leid. So reifte in ihm schon früh die Vorstellung, dass unser Dasein „kein Werk eines allgütigen Wesens“ sein könne. Das Sprachgenie studierte danach mehrere Fachrichtungen, weil er - von Natur aus rastlos - alle Zusammenhänge der Geistes- und Naturwissenschaften verstehen wollte. Dabei stand er aller Obrigkeit (Lehrmeistern, Staatsmacht, Kirche u.a., generell jeder Autorität) in hohem Maße ablehnend gegenüber, ja er war ausgesprochen renitent gegen sie. Dies und die fehlende herzliche Zuwendung durch die Eltern waren wohl entscheidende Faktoren seiner eigenen Liebesunfähigkeit und der heute sprichwörtlich pessimistischen Grundstimmung: „Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er von der Hoffnung genarrt dem Tod in die Arme tanzt.“ Seine negative Einstellung zu Frauen und zur Sexualität liessen ihn schon früh urteilen, dass „alles nur Trieb“, der sei. Und das Glück? Das war S. sowieso von Grund auf suspekt: „Glück bedeutet die Abwesenheit von Unglück.“ Für die Geistesgrößen seiner Zeit hatt er nur die Bezeichnung „Katheterphilosophen“ übrig.

Mit Geld konnte er, der kaufmännisch Ausgebildete, zwar gut wirtschaften, doch die Angst um den Erhalt des Geld beschäftigte ihn stärker, als es ihm Genugtuung verschaffte: „Reichtum des Geistes allein verdient als Reichtum zu gelten.“ Seine philosophischen Grundüberlegungen liessen ihn an der Realität zweifeln; die reale Welt war für ihn nur eine irrationale Vorstellung des Menschen; die (ziellose) Weltordnung sei allein der Wille des Menschen. Ohne das Subjekt gäbe es die Welt gar nicht. Willensverneinung und Askese sei ein aprobates Mittel dagegen.

Dieter Heymann stieg nicht tiefer in die philosophischen Ideen ein, was auch den Rahmen der Veranstaltung gesprengt hätte. Er  ermunterte die Zuhörer zur eigenen Lektüre des  Stilisten S., denn gegen alle Erwartung seien vor allem sein Alterswerk „Parerga und Paralipomena“ (u.a. Aphorismen und Lebensweisheiten, aber auch eine Zusammenfassung seiner früheren Werke) allgemeinverständlich und anregend zu lesen.
Der Menschenfeind und Einzelgänger S., der sich damit  seine Gegner selbst schuf, kam in den späten Lebensjahren zu hohen Ehren in Fachkreisen. Dieser Ruhm, u.a. von der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Berlin) ließ ihn vollkommen gleichgültig. In Frankfurt am Main verbrachte der exzellente Flötist ein beschauliches und geregeltes Altersdasein, das nur sein geliebter Pudel Atman mit ihm teilen durfte. Diese „Weltenseele“ (so die Übersetzung des Sanskrit-Wortes) habe er bezeichnender Weise oft mit „Du Mensch!“ beschimpft.
Wenn ihm sein Biograf R. Zimmer „analytische Weltdeutung und erzählerisches Talent“ attestiert, macht das direkt Lust, mehr von S. zu erfahren und nachzulesen. So soll auch der für ihn wichtige und zugleich meditative Satz am Ende stehen, den er dem Sanskrit entnommen hat: „Tat twam asi“, d.h. „Das bist du“.

kpr