Berichte-Archiv der Akademie 55plus Darmstadt

Ein Warenhaus verändert die Welt der Frauen

Dieter Heymanns Vortrag  im Wohnpark Kranichstein

Seit wann gibt es eigentlich den  Winterschlussverkauf? Sind Lockvogelangebote eine typische Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts? Wie lange braucht der Deutsche, um den nächsten Discounter mit dem Auto zu erreichen?

Diese Fragen – und noch viele andere – beantwortete Dieter Heymann in seinem spannenden, detailgespickten Vortrag „Von Emile Zolas „Paradies der Damen“ zu Dieter Brandes „Konsequent einfach“ im Wohnpark Kranichstein.

Eigentlich gibt es ja in der Akademie 55plus die strikte Order, dass ein Vortrag nach 45, aller-aller-spätestens nach 60 Minuten zu Ende sein sollte, hat doch die Forschung ergeben, dass nach dieser Zeit die Aufnahmekapazitäten der Zuhörer erschöpft sind. Diesmal war alles anders. Anderthalb Stunden entführte der zweite Vorsitzende der Aka und ehemalige Darmstädter Geschäftsmann  sein Publikum in die Welt der klingenden Kassen. Sein fundiertes Wissen, gespickt mit zahlreichen  Insiderdetails, ließ keine Langeweile aufkommen.

Der Referent ging zunächst auf  Emile Zolas Roman „Paradies der Damen“ und die Verhältnisse in Paris nach der französischen Revolution von 1848 ein. Die Bourgeoisie hatte auf demokratischem Wege Napoleon III. gewählt. Es entstanden 300 km Avenuen und Boulevards und zahlreiche Opern-, Konzert- und Operettenhäuser, außerdem das berühmte Kaufhaus Bon Marche´, das zeitweilig das größte Warenhaus der Welt war  (Zola nennt es in seinem Roman  „eine Kathedrale des Handels“). Zum ersten Mal war alles unter einem Dach vorhanden. Auf 50.000 Quadratmetern (das ist eine Fläche, dreimal so groß wie das Luisencenter) gab es – zum ersten Mal in der Geschichte – vorkonfektionierte Kleidung, die viel preiswerter verkauft werden konnte als bisher. Das Ergebnis war der Ruin vieler Schneider, die noch alles in Handarbeit machten.  Die Waren wurden zu einem festen Preis verkauft, sie konnten umgetauscht und mussten bar bezahlt werden. Alles neu und revolutionär! Hinzu kamen Schaufenster mit tollen Dekorationen.

Das Kaufhaus veränderte die Welt der Frauen! 4.000 Mitarbeiter, viele davon weiblich, wurden eingestellt, täglich bekocht, kostenlos versichert und unter dem Dach sogar noch mit einem Schlafplatz ausgestattet. Aber auch die Damen der feinen Gesellschaft profitierten. Hatten sie vorher das Haus nur selten verlassen, so entdeckten sie nun den Einkaufsbummel, promenierten durch das Kaufhaus, ließen sich von Lockvogelangeboten , Propagandisten und Rabattmarken betören, stürzten sich in den Winterschlussverkauf und ließen sich auch hin und wieder, wenn der Kaufrausch über die vorhandenen Finanzen gesiegt hatte, von einem Warenhausdetektiv abführen..

Seit 1848 gab es zwar in Darmstadt bereits ein erstes Kaufhaus. In diesem Jahr hatte das Kaufhaus Homberger seine Türen geöffnet. Das  Mega-Ereignis allerdings fand im Jahre 1953 statt: Der Kaufhof lud am 14. Oktober zur Eröffnung ein und 80.000 (!) Menschen wollten dabei sein.

Die Euphorie ist, wie jeder weiß, inzwischen vergangen. Die Innenstadt-Geschäfte müssen sich viel einfallen lassen, um sich gegen die Konkurrenz auf der grünen Wiese durchzusetzen. Luisencenter oder Loop 5? Die Frage muss täglich neu gestellt werden.

Eine andere Frage aber ist längst geklärt: Es ist nicht mehr ehrenrührig, beim Discounter einzukaufen. Dieter Brandes hat in seinem Buch „Konsequent einfach“ die Aldi-Erfolgsstory bearbeitet. 60 Jahre gibt es den Billig-Anbieter inzwischen und andere Namen sind dazu gekommen (Lidl, Penny) Kein Deutscher, der motorisiert ist, braucht länger als sieben Minuten, um einen von ihnen zu erreichen. 1.654 Aldi-Filialen gibt es in Deutschland, 3.500 weltweit. Nur 800 Sortimentsgegenstände gibt es bei Aldi zu kaufen – beim Konkurrenten Rewe, einem Vollversorger sind es 30.000.

Das Erfolgsrezept der Gebrüder Albrecht ist verblüffend einfach: Top-Qualität zu einem unschlagbar günstigen Preis. Dass dies immer wieder realisiert wird, beweisen die zahlreíchen Tests, bei denen Aldi hervorragend abschneidet. Inzwischen haben die Discounter alle Gesellschaftsschichten als Kunden erreicht. (Günter Jauch gehört auch zu ihnen, wie er einmal im Interview bekannte).

In anderen Ländern übrigens ist die Aldisierung noch nicht so weit fortgeschritten. Franzosen z.B. geben  10 Prozent mehr Geld für Nahrungsmittel aus als die Deutschen. Woran das liegt? Das wäre vielleicht ein Thema für einen weiteren spannenden Vortrag…

H.B. / Foto Pit Ludwig, © Stadtarchiv Darmstadt (Foto zum Vergrößern bitte Anklicken)