Berichte der Akademie 55plus Darmstadt 2011

Die ungewisse Herkunft

Bericht über den Vortrag am 18.10.2011

Britische Bomber zerstörten im August 1944 die Innenstadt Königsbergs. Im Januar 1945 hatten die Rotarmisten die Stadt eingekesselt. Die Verteidigung bis Ostern hatte das Weiterleben in der Stadt fast unmöglich gemacht. Die Kriegshandlungen überlebten etwa 100.000 Menschen. Aufgrund der total zusammenbrechenden Versorgung kamen davon in den Wirren bis 1948 rund 75.000 Menschen darunter 30.000 Kinder ums Leben. Waisenkinder lebten bettelnd in Trümmern und auf Straßen. Katholische Kirchendienste sammelte die Kinder und improvisierten 12 Waisenhäuser in Stadtrandvillen. Größere Kinder, später als „Wolfskinder“ beschrieben, schlugen sich nach Litauen durch. Vor dem harten Winter 1946 beginnt die Versorgung mit Essen und - -   mit Pelzstiefeln. Ab Oktober 1947 werden Kindergruppen in verplombten Güterwagen nur mit Essen, ohne etwas Trinkbares auf 7-Tage-Fahrten nach Mecklenburg gebracht. Das Rote Kreuz verteilt die Kinder auf Pflegefamilien.

Ein schwaches verlaustes und total verschüchtertes Menschenbündel weiß nur seinen Namen und dass seine Mutter tot ist. Das Geburtsjahr wird 3 Jahre geschätzt, den Geburtstag darf sie sich aussuchen („heute“); es war der 11. 11. 1947. Unter Schmerzen lernt sie langsam wieder essen. Die Pflegfamilie wechselt; Erziehung verläuft ohne emotionale Zuwendung. Die Mitschüler „sprechen“ mit bösen Blicken. Das wurzellose Pflegekind spürt sein Schicksal. An der Bruchstelle Pubertät sucht sie sich selbst ein Heim. Es erwacht der Wunsch, den Vater zu suchen. Pseudohilfen der DDR-Behörden erschweren eine Klärung. Der gute Abschluss an der sozialistischen Akademie für Binnenhandel wird infolge politischer Nichtanpassung verwässert. Die erste Liebe scheitert an der ungewissen Herkunft. Der Bau der Mauer führt 1961 zur Schließung der Suchakte. Die Suche nach dem Vater dauert 36 Jahre.

Während der 11 ½- stündigen Flucht in den Westen, teilweise zu Fuß mit einem Freund durch den Harz,. wird sie erwachsen. Wernigerode, Hamburg, Gießen, Frankfurt und schließlich Wien sind die folgenden ereignisreichen Stationen des außergewöhnlichen Lebens von Hannelore Neumann.

Das Szenario aus Königsberg hat Gerhard Schröder vorangesetzt. Beide werden im nächsten Semester die Geschichte der Schicksalsgemeinschaft der „Königsberger Kinder“ vertiefend weiterbehandeln.

wsw