einkaufswagen clipartWie kommt man eigentlich im dritten Lebensalter in einer x-beliebigen englischen Stadt klar, wenn man z.B. als Tourist

  • ein dringendes Bedürfnis hat
  • für den täglichen Bedarf einkaufen geht oder
  • eine Kleinigkeit in einem Restaurant essen will.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Southampton versus Darmstadt.

Wenn John und Mary auf dem Luisenplatz ankommen und sie just da ein menschliches Bedürfnis überfällt, haben sie verschiedene Möglichkeiten. Der rettende Ort ist gar nicht weit weg: Im Kaufhof ganz unten, beim Henschel ziemlich weit oben und hinter den Tischdecken und Kissenhüllen bei Karstadt. Nur: Wo um Himmels Willen erfährt man das auf die Schnelle? Schilder, gut sichtbar? Fehlanzeige.

Dieses Problem haben die Stadtoberen der südenglischen Stadt - und eigentlich im ganzen Land - besser gelöst. Jedes Einkaufszentrum hat - fast immer ebenerdig, zumindest aber auch für Rollstuhlfahrer leicht erreichbar - eine zentral gelegene Toilettenanlage, großzügig bemessen, regelmäßig gereinigt und von allen Richtungen gut sichtbar ausgeschildert. Und nicht nur im Zentrum, sondern fast in jedem Stadtteil, der ein paar Geschäfte hat, braucht sich niemand den großen Michkaffee zu verkneifen. Dort gibt es nämlich das Gleiche in kleinerem Format.

1:0 für England.

Gehen wir mal einkaufen, nur ein paar Sachen, die man täglich so braucht. Toastbrot, Cornflakes, Joghurt, Käse, Obst, Kekse, Spüli, Zeitungen, Fischfilet. Oder auch ganz was anderes. Da kann unser englisches Pärchen lange suchen in einem kleineren Supermarkt. Denn kein Schild verrät, welches Sortiment der jeweilige Gang beinhaltet. Also try and error - oder aber sich durchfragen.

Nicht so auf der Insel. Jeder Gang ist beschildert: Milk, fruit, cereals usw. Zugegeben, man findet nicht alles auf Anhieb. Das meiste aber doch. Warum können nicht alle Lebensmittelgeschäfte dieses kundenfreundliche Angebot übernehmen? Weil dann die Kunden auf der Suche nach Zahnpasta  auch noch einigen Schnickschnack, den sie nicht brauchen, ins Körbchen tun?

Auf jedem Produkt ist nicht nur gut lesbar Kalorienzahl, Fett und Zuckeranteil, sondern auch die Mindesthaltbarzeit fett gedruckt in großer Schrift angegeben. Das wünsche ich mir bei uns auch.

Wir sind jetzt an der Kasse in England und wissen: Das kann dauern. Jeder Kunde wird wie ein guter Bekannter begrüßt, aufs Wetter oder - aktuell - auf den Stand der englischen Kicker angesprochen. Dann läuft in Zeitlupe ein Artikel nach dem anderen das Band entlang. Der Kunde zahlt, meistens auch Kleckerbeträge per Karte. Vorher werden aber Gutscheine von einem Pfund eingelöst. Auch in dieser Zeit reißt das Gespräch zwischen der Person hinter und jener vor der Kasse nicht ab. Dann beginnt das Einpacken. Eine Tüte nach der anderen füllt sich langsam mit den Produkten des täglichen Gebrauchs. Irgendwann ist dann alles im Einkaufswagen verstaut, und das Spiel beginnt von Neuem.

Die gleiche Prozedur in Darmstadt? Kennt jeder. Die Kassiererinnen, insbesondere bei den Lebensmitteldiscountern, ziehen die Waren in einer solchen Geschwindigkeit am Scanner vorbei, dass man vermuten muss, sie trainieren für die Weltmeisterschaft im  Speed-Kassieren. In einem Geschäft im Darmstädter Stadtteil K. gibt es ein Band, das immer weiterläuft. Hat der erste Kunde bezahlt, aber noch nicht eingepackt, so trudeln die Einkäufe des nächsten bei ihm ein, vermischen sich und müssen mühsam auseinandergedröselt werden. Da kommt Freude auf, vor allen bei den Einkäufern fortgeschrittenen Alters aus dem nahen Seniorenheim. Ein Fall für den künftigen Seniorenbeirat, falls er mal die Saure Zitrone für dreiste Kundenbehandlung vergeben möchte.

2:0

für England.

Zum Schluss im Ländervergleich: Ein warmes Mittagessen, allerdings mehr eine "Kleinigkeit". Fairerweise muss hier angemerkt werden, dass  die Bedürfnisse hier doch etwas auseinandergehen. "Warm" heißt traditionell "dinner" und ist gegen Abend. Mittags gibt es "lunch", und der besteht meistens aus einem Sandwich, was ja auch viel gesünder ist, da es den Bauch nicht so vollschlägt, ergo die Arbeitskraft nicht beeinträchtigt. Jedoch hat es sich auch im Vereinigten Königreich herumgesprochen, dass statt der immer gleichen Gurken- Thunfisch-Eier-Pappbrötchen leckere warme Kleinigkeiten eine willkommene Abwechslung sein können. Preisfrage: Hat man sich auf dieses Bedürfnis inzwischen eingestellt? Yes and no. Die massigen Gerichte gibt es überall, kleinere Portionen sind im Kommen, aber bei weitem noch nicht überall. In Southampton ist es  vor allen das riesige "Ikea"-Imperium mitten in der Stadt, das mit seinen Fleischklößchen und Co lange Menschenschlagen anzieht. (Gratis gibt es dazu den Blick auf die bekanntesten Luxusdampfer im gegenüberliegenden Hafen).

Hier hat Darmstadt die Nase vorn. Ein warmer Snack für den kleinen Hunger? No problem, überall und ziemlich preiswert. Wir sollten mal eine Top-Ten-Liste erstellen für all die ausländischen Besucher. Also:

2:1 für England.

Hier  wird. der Vergleich abgebrochen. Er kann aber an anderer Stelle fortgesetzt werden.

Heidrun Bleeck

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