Aka-Mitglieder blickten hinter die Kulissen des Wahrzeichens von Mainhattan

Die sprachgewitzte Historikerin Silke Wustmann hat über den Frankfurter Römer promoviert und kennt ihn von innen und außen, vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Eine unterhaltsamere und kompetentere Stadtführerin hätte sich die Akademie 55plus bei ihrem Tagesausflug in die Main-Metropole gar nicht wünschen können. Wustmanns häufig verwendeter Ausdruck „spuckhässlich“ klingt allen noch in den Ohren.

Das Treppengiebelgebäude am Römerberg, auf dessen Balkon siegreiche Fußballmannschaften der jubelnden Menge ihre gerade errungenen blitzenden Pokale zu zeigen pflegen, ist umringt von weiteren Häusern, in denen die eigentliche Kommunalpolitik gemacht wird. Dieser Gesamtkomplex heißt inzwischen Römer. Seine Geschichte beginnt im Jahr 1405. Damals hatte die Stadt Frankfurt zwei aneinander angrenzende Bürgerhäuser namens „Römer“ und „Goldener Schwan“ gekauft und benutzte sie nach Umbauarbeiten ab 1414 als Rathaus.

Wie kam der Römer zu seinem Namen? Das hat laut Silke Wustmann nichts mit den Römern zu tun, die in Frankfurt durchaus Spuren hinterlassen haben, sondern mit den italienischen Tuchhändlern, die ihre Waren bei den Messen auf dem Römerberg anboten. Sie stapelten sie in den Hallen des Bürgerhauses einer Familie Kölner – die sich später nach ihrem Haus Römer umbenannte – und nächtigten im Obergeschoss. Da Rom nicht nur Papst-Wohnsitz, sondern auch die bekannteste Stadt Italiens ist, wurde das Haus bald als „Römer“ bezeichnet.

Nach und nach kaufte die Stadt 11 weitere Nachbargebäude dazu. Der Rathauskomplex bestand schließlich aus einem zusammengewürfelten Häuserhaufen mit vielen Innenhöfen. „Der kennt sich aus wie der Hausmeister im Römer“ wurde in Frankfurt zu einem geflügelten Wort. Gemeint war: Dieser Mensch hat keine Ahnung.

Sein Amtszimmer betrat der Oberbürgermeister über ein eigenes Treppenhaus, er hatte sogar eine eigene Wache. „Im Römer wird gefeiert, im Schwan (in dem sich das OB-Büro befindet) gearbeitet“, hieß es. Nur OB Ludwig Landmann bestand auf einem Zimmer im Süden, weil ihm das eigentliche Büro zu feucht und kalt war. Ein „Rheumatismuszimmer“ halt.

Im Krieg wurde der Gebäudekomplex durch Bomben „entkernt“, wie Silke Wustmann es etwas salopp ausdrückte. Zunächst sollte die Bauruine als Mahnmal erhalten bleiben, bis sich die Stadtväter entschlossen, an die frühere Rathaustradition anzuknüpfen. Auf der Braubachstraßenseite erinnert seit den fünfziger Jahren ein großes Mosaik mit einem aus der Asche steigenden Phönix an die damalige Aufbruchstimmung.

In der Wandelhalle des Römers hängen mehr oder weniger gelungene Porträts der Frankfurter Oberbürgermeister, allerdings fehlen die letzten fünf. „Nur wer gestorben ist, wird auch gehängt“, erklärte die nie um ein Bonmot verlegene Historikerin. „Bezaubernd anachronistisch“ nennt sie den Magistrat-Saal mit 24 Stühlen einer Farbe, „für die mir jede Vokabel fehlt“. Vielleicht: gallengrün? Er scheint im Ambiente der Fünfziger Jahre erstarrt zu sein, und das gilt auch für den darüber liegenden, nussbaumholzvertäfelten Plenarsaal für die 93 Stadtverordneten. Sie blicken auf einen aus Intarsien angefertigten Frankfurter Adler. Im Gegensatz zum Reichsadler wendet dieser seinen Kopf (von ihm aus gesehen) nach rechts. Die Redner am Pult dagegen haben freien Blick auf die Paulskirche, eine Wiege der Demokratie in Deutschland.

Im berühmten Kaisersaal, Frankfurts Fest- und Empfangssaal, einem Mix aus Mittelalter und Romantik, schmausten die deutschen Kaiser nach ihrer Krönung. Geschaffen wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts, als Frankfurts Glanz- und Glorienzeit vorbei war. 52 Kaiser sind auf Leinwänden abgebildet und in spätgotischen Nischen aufgestellt – von Karl dem Großen bis zu Franz II. Als in diesem Prunksaal noch das Schwurgericht tagte, blickten die Richter auf Römerberg und Justitia. Die Dame mit der sexy Aufmachung hat keine Augenbinde - ein Fauxpas, der folgendermaßen entschuldigt wird: Sie achte mit ihrem strengen Blick darauf, dass gerechte Urteile gefällt werden.

Heute geben sich am Römer – wie die Aka-Gruppe am Samstag miterleben durfte – wegen des dort etablierten Standesamtes Hochzeitsgesellschaften die Klinke in die Hand. Sie sind willkommene Fotomotive für das internationale Aufgebot an Touristen, das den Römer ständig umgibt. Abgerundet wurde der Frankfurt-Besuch mit der Einkehr in ein typisches Lokal, das auf Handkäse, Grüne Soße, Rippchen und Äppelwoi spezialisiert ist.

Text: Petra Neumann-Prystaj / Fotos: Ingrid Scheffler